Wie ich es nun seit Jahren halte, gehört der Sommer dem Kraftschöpfen, der Regeneration und auch meiner persönlichen Fortbildung. Jedes Jahr widme ich mindestens sieben ganze Tage meiner eigenen Stimme, meinen Trainerqualitäten und meiner Neugier, wie es zugeht in den verwandten Bereichen der Sprech- und Stimmtechnik. Das sichert mir einen Wissensvorsprung, eine stete Bewusstseinserweiterung, bereichert meine eigene Lehrtätigkeit und fördert mein persönliches Wachstum. Schon längere Zeit beschäftigt mich die Frage aus dem Gesangsbereich: Welche Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem Stimmgebrauch in Pop und Musical bzw. dem klassischen Opern- und Liedgesang?
Ich glaube nicht an Zufälle. Vor Monaten war Sandra Pires bei einer Charity meine Tischnachbarin, sie erzählte von ihrem Einsatz als Work-Shop-Leiterin bei der Sommerakademie Zakynthos. „Komm´ doch mal“ meinte sie. Ich habe im Flieger den letzten Platz ergattert.
Auf der zauberhaften Schildkröteninsel (Legeplätze der unechten Seeschildkröte „Caretta caretta“) landen bei strahlendem Wetter und 36 Grad, mit mir rund fünfunddreißig sangesbegeisterte Menschen. Mittendrin die quirlige, temperamentvolle Sandra Pires.
„Singing is fun“ motiviert sie uns alle täglich von 10 Uhr bis 12 Uhr unter freiem Himmel, mit Blick auf das tiefblaue Meer.
Zuerst das Technische. Worauf achtet Profi „Pires“? Kein Kaltstart, also Dehnen, Recken, Summen. Aufwärmübungen. Kiefergelenk öffnen. Pferdeschnauben. Ga-ge-gi-go-gu. Kiefer bleibt offen, nur die Zunge macht die Arbeit beim Syllabieren. Stimmbandschluss überprüfen: Lassen die zwei kleinen Stimmlippen keine Luft ungenützt ausströmen? Ei-au-eu. Die Zwielaute helfen. Sandra Pires überprüft jede einzelne Stimme. Stimme ist Ausatem, Hergeben, Aus-drücken. Wo ist das Zwerchfell? Unseren größten Atemmuskel aktiviert auch Sandra Pires als Lehrerin mit den Mitlauten, sch-ss-ff-tt,... Die Bauchdecke unterhalb des Nabels muss sich wölben beim Einatmen. Körpereinsatz: Singen geht nur mit dem ganzen Körper als Resonanzkasten. Sie demonstriert natürlich gekonnt elastische Kniegelenke, eleganten Hüftschwung, Gestik, gehen, drehen beim Singen der Tonleitern.
Und dann dürfen wir endlich! Der Gitarrist unter den Teilnehmerin wird kurzerhand als Co-Trainer engagiert. Drei Akkorde, und wir sollen auf UUUUU oder OOOOO tönen. „Sing the harmonies“ fordert sie unser Gehör heraus. Wir summen zunächst einmal. Zaghaft, aber mutig. Immer stärker, bewusster, aktiver, und nach etwa drei Minuten swingt, tönt, klingt und resoniert das kleine Amphitheater der Akademie. Wir baden in einer sechsstimmigen Klangwolke, mit Bässen, und Überstimmen. Wie sichs gehört halt! Beeindruckt und berührt. Nach dem Ausklingen ist es sekundenlang mucksmäuschen still.
„Singen ist ein Geben und Nehmen. Alles beeinflusst unsere Stimme, unsere Müdigkeit, unser Stress, die Angst sich lächerlich zu machen,.... Der Klang wandert vom Bauch in und durch den Körper. Während das Lied raus geht, wird es beeinflusst von dem, was ich bin. Von meinem Körper, meiner Seele, meinem Geist. „In der Halsregion adjustieren wir den Klang“, erläutert unsere charmante, natürliche, humorvolle Lehrerin. Stimmen, die sie selber gerne mag, sind die von Vera Böhnisch, Freddy Mercury, Barbra Streisand und natürlich Whitney Houston in ihren frühen Jahren.
„Was singen wir? Welchen Song wollt ihr singen, am Abschlussabend nach einer Woche wird natürlich vorgeführt“ Wir wählen, geschickt gesteuert „ I believe I can fly“ - eine romantische Ballade und „Higher and higher“, Swingnummer aus den 70er Jahren. Sandra Pires allgegenwärtiges Notebook holt sofort die Liedtexte aus dem Internet. Dazu täglich ein weiterer Song, um verschiedene Facetten des stimmlichen Ausdrucks zu fördern:
Alle Töne sind willkommen, keiner ist falsch, interpretatorische Anregungen gerne gesehen. Sandra Pires agiert sehr wertschätzend, temperamentvoll, ermutigend. Sie lockt und fördert die Teilnehmer und ihren Spaß beim Singen. Ihr sängerisches Vorbild ist hörbar bei jedem Ton. Wir lachen viel. Probieren eine Menge. Immer gut geerdet und barfuß. Lauter als das Meeresrauschen. Täglich üben wir etwa 1 ½ Stunden.
Die lockere Atmosphäre tut ihres dazu, etwa zwei Drittel der Gruppe verabreden sich zum freien Singen eines Abends. Von „Country Roads“ über „Oben Ohne“ bis zu „Über den Wolken“ ... mit dem Andachtsjodler beschließen die drei Eisernsten nach drei Stunden um ein Uhr nachts, bei Fast-Vollmond die Session (ich bin dabei). Es war einfach zauberhaft.
Mein Resümee: Sänger und Sprecher benützen denselben Körper, dieselben Muskelgruppen, die selben Körperabschnitte bei der Stimmgebung, und doch tun sie es völlig unterschiedlich. In einem Bild ausgedrückt, alle betreiben Leichtathletik, die einen treten an im Kugelstoßen und die anderen im Speerwerfen. Gut hörbar sind diese Unterschiede bei den bekannten Duetten, zwischen Montserrat Caballe und Freddy Mercury oder Placido Domingo und Natalie Cole. Für mich persönlich ist das Wechseln, selbst als langjähriger Profi nicht eben einfach, wenngleich die Erfahrung spannend war und Sandra Pires als Lehrerin ganz herzvoll. Kleiner Höhepunkt am Rande, wir singen zu zweit die Arie der Königin der Nacht. Ein Stückchen jedenfalls! Zwei Zwerchfelle in Action. Danke!
Sandra Pires dürfte eine der ganz wenigen wirklichen „Naturstimmen“ im Pop-Gesang sein. Sie benützt eine fantastisch flexible und trainierte Bauchdecke sowie die Muskeln der Bauchkapsel um zu atmen und zu stützen, dazu besonders Mund-, Rachen- und Nasenraum für die Klangbildung. Weniger Stirn- und Nebenhöhlen. Dazu ein äußerst beweglicher Körper und die besondere Begabung, sich ohne emotionale Blockaden ausdrücken zu können. Was raus muss, lässt sie raus. Sandra Pires arbeitet mit einem großen Urvertrauen, dem Energiefluss zwischen ihr und ihren Zuhörern. Ihr Motto „Jede/r hat eine Möglichkeit sich stimmlich auszudrücken!“ In ihrer Gegenwart trauen sich Menschen das zu tun.
Sandra Pires kam in Osttimor zur Welt, wuchs in Portugal bei ihrer Großmutter auf. In einem stimmlich ermutigenden Umfeld. Das hat ihr ermöglicht, ihre Begabung für stimmlichen Ausdruck uneingeschränkt zuzulassen. Oma war Volksschullehrerin, komponierte viele Kinderlieder, verlor oft die Stimme. Sie lies die kleine Sandra in der Klasse die Lieder vorsingen. Mit dreizehn schnappte sie sich - zurück am Gymnasium in Australien - ihre ältere Schwester und ihre Freundin, Mittagsgesang am Schulklavier war angesagt. Bald folgte ein erster Auftritt als Edith Piaf. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr tritt Sandra mit einer professionellen Band auf.
Einige Stunden Atemlehre, einige logopädische Einheiten um eine kleine Dysphonie zu beheben und etwa fünf Stunden Operngesang: mehr brauchte Sandras Stimme nicht, ihr Talent entfaltet sich bis heute ungebremst. Vielfältig, facettenreich und findet großen Anklang. Seit siebzehn Jahren ist Sandra Pires aus der österreichischen Szene nicht wegzudenken. Sie singt aus Überzeugung, mit Dankbarkeit für ihre Begabung: Ich singe, weil ich etwas zu geben habe.
Bei Heiserkeit schwört sie auf Emser Pastillen. Im Stimm- und Sprechgebrauch im öffentlichen Raum in Österreich merkt sie an, es kommen häufig wenig Charakter und Persönlichkeit durch. Radiomoderatoren/innen klingen oft ähnlich und Politiker/innen distanziert und bemüht sachlich. Das ist in Portugal ganz anders.
Nächster großer Auftritt:
Sandra Pires beim Jazz-Festival Klosterneuburg am 23. September 2010 unter dem Motto „Strings & Voices“